Nevada & Arizona

Sand, Felsen und Steine; das ist alles was man auf den ersten Blick in Nevada und Arizona zu sehen bekommt. Schaut man jedoch genauer hin, so erkennt man die Schönheit und den Zauber dieser märchenhaften Orte.

Die Schönheit des Death Valley lässt uns fast nicht mehr los. Nachdem wir eine Woche in der Wüste verbracht und fast jeden Winkel erkundet haben, müssen wir uns dennoch eingestehen, dass es Zeit wird, weiterzuziehen. Eine Wanderung steht allerdings noch auf dem Programm: der Golden Canyon. Um Punkt 12 Uhr stellen wir Melvan auf dem Parkplatz am Beginn des Wanderwegs ab. In der prallen Mittagssonne wandern wir los und sind froh, als wir in den schattigen Canyon gelangen. Der Sandstein steigt links und rechts von uns empor und der Weg wird mit jedem Meter enger. Schon bald kriechen wir auf Händen und Füssen durch die glatt geschliffenen Felsspalten um weiterzukommen. Uns kommt es fast so vor, als wären wir in einem überdimensionalen Arteriensystem voller Kanälen und Abzweigungen unterwegs. Just als wir aus einem Engpass schlüpfen, hören wir zwei Stimmen Schweizerdeutsch sprechen. Schon lange haben wir keine Schweizer mehr angetroffen, schon gar nicht in unserem Alter und so lassen wir es uns nicht nehmen, die beiden anzuquatschen. Wir tauschen Erfahrungen und Pläne in mitten dieses mystischen Canyons aus und schwatzen, als hätten wir an der Bahnhofstrasse alte Bekannte getroffen. Wir verabreden uns kurzerhand für einen Abend in Las Vegas und wandern dann, jeder seinen Weg, tiefer in den Canyon hinein.

Nachdem wir den weiten Weg aus dem Death Valley gefahren sind, gönnen wir uns noch eine Nacht in der Natur, bevor es auf den grössten Erwachsenenspielplatz Amerikas geht. Am nächsten Morgen geht es los. Viva Las Vegas! Schon von weitem sehen wir die Metropole, die mitten in der Wüste verloren und völlig fehl am Platz scheint. Wir haben uns in einem etwas kleineren Hotel in der Nähe des Strips ein Zimmer gebucht und sind froh, als uns die Dame am Empfang schon um 11 Uhr einchecken lässt. Uns kommt das Zimmer riesig vor, was vermutlich auch damit zu tun hat, dass wir uns mittlerweile daran gewöhnt haben auf 6m2 zu leben. Dennoch zieht es uns nach draussen. Wir schlüpfen in unsere Badesachen und geniessen es einen ganzen Nachmittag am Pool einfach mal nur Tourist zu sein. Am Abend geht es dann an den Strip, wo wir uns mit Larissa und Joel, den beiden Schweizern, die wir im Golden Canyon getroffen hatten, verabredet haben. Das Essen wird bei all den Lichtern und Tumult um uns herum schnell zur Nebensache. Gemeinsam schlendern wir durch die Casinos, versuchen unser Glück an den Spielautomaten und bestaunen die Attraktionen, mit denen sich die Casinos gegenseitig die Kundschaft abwerben wollen, bis spät in die Nacht hinein.

Da wir schon eine leise Vorahnung hatten, dass uns eine Nacht in Las Vegas genügen würde, sind wir nicht ganz unglücklich, als wir am nächsten Morgen etwas verkatert zum Grand Canyon aufbrechen. Die Fahrt zieht sich und wir sind froh, als der Verkehr auf der Autobahn nach den letzten Vororten nachlässt. Ein paar Stunden weiter und wir sind wieder ganz alleine unterwegs. In Kingman machen wir kurz Halt, um etwas zu essen und entscheiden uns dann, statt weiter auf der Autobahn Richtung Grand Canyon zu fahren, einen kleinen Umweg über eine Nebenstrasse zu machen, um Melvan ein wenig zu entlasten und noch einen Halt vor dem Grand Canyon einlegen zu können. So biegen wir kurzerhand links ab und landen, ohne es wirklich geplant oder gewollt zu haben, auf der legendären Route 66. Diese Gelegenheit lassen wir natürlich nicht aus und schiessen noch ein paar Bilder, bevor wir uns dann ein gemütliches Plätzchen am Strassenrand suchen, wo wir die Nacht verbringen.

Als wir am nächsten Tag weiterfahren, können wir uns noch nicht wirklich vorstellen, dass sich in dieser Einöde ein Canyon befinden soll, denn die Landschaft um uns ist vor allem eines: Flach. Zwar wird es mit jeder Meile die wir fahren etwas grüner und wir sehen das erste Mal seit langem wieder Nadelbäume, ein riesiges Loch in der Erde können wir uns hier aber nicht vorstellen. Im Nationalpark angekommen, sehen wir immer noch keinen Abgrund und auch der Campingplatz, auf dem wir Melvan abstellen, befindet sich in einem ganz normalen Wald. Wir riechen Material für eine Verschwörungstheorie. Ist der Grand Canyon schlussendlich nichts weiter als eine Erfindung der NSA, um von abgestürzten UFOS abzulenken? Es gibt nur einen Weg dies herauszufinden. Wir brechen mit dem Bus (der Grand Canyon hat ein super Bussystem mit ultra-witzigen Busfahrern) zum nahegelegenen Visitor Center auf, um uns für die nächsten Tage mit Karten- und Informationsmaterial einzudecken. Als wir danach einmal ums Haus herumgehen, müssen wir unsere Theorien wohl oder übel wieder verwerfen, denn vor uns tut sich ein RIESEN Abgrund auf! Wie wenn eine übernatürliche Kraft die Erde in zwei Hälften gebrochen hätte, klafft da ein riesiges Loch. Ganz unten sehen wir den Colorado River, der von so weit weg noch kleiner erscheint als ein Regentropfen, der die Windschutzscheibe entlangläuft. So laufen wir den Rand des Canyons entlang bis es Abend wird, schauen uns, auf einem Felsen sitzend, den romantischen Sonnenuntergang an und lassen uns vom Bus wieder zum Campingplatz kutschieren.

Leider zieht die Schönheit des Canyons auch entsprechend viele Menschen an. Deswegen versuchen wir uns etwas abseits der Touristenströme zu bewegen. Ein Weg dies zu tun, der in der Vergangenheit recht gut funktioniert hat, ist, zu laufen. Sobald wir ein paar Kilometer vom Parkplatz weg sind, sehen wir in der Regel keine Menschenseele mehr. Egal wie gross die Attraktion auch sein mag, dem Durchschnittsamerikaner scheinen hundert Schritte weg vom Auto zu viel Ertüchtigung zu sein. So machen wir uns am nächsten Tag in aller Herrgottsfrühe auf, um uns erst den Sonnenaufgang anzusehen und danach in die Schlucht zu wandern. Die Route haben wir uns am Vortag im Visitor Center von einem Ranger als eine der schönsten Tagestouren empfehlen lassen. Er hat kein wenig übertrieben! Mit jedem Meter steigen wir tiefer in den, von der Morgensonne feuerroten Canyon. Wir bestaunen die verschiedenen Gesteinsschichten, die an der Wand des Canyons wie in einem künstlichen Querschnitt selbst für uns klar zu erkennen sind. Schnell sind wir mehrere hundert Höhenmeter unter unserem Ausgangspunkt, (was uns komisch vorkommt, denn von der Schweiz kennen wir das für gewöhnlich andersrum) und es wird merklich wärmer. Eigentlich wären wir nun am Ende unserer Wanderung, wir sind jedoch gut in der Zeit und entscheiden uns, noch ein wenig tiefer in den Canyon zu steigen. Als es schliesslich gegen Mittag zugeht, sind wir schon fast am Colorado River angelangt. Eigentlich wollten wir so vernünftig sein und spätestens jetzt umkehren, da es aber nur nach einem Katzensprung aussieht und wir, fünf Kilometer flussabwärts, einen anderen Weg wieder hinauf gehen könnten, entscheiden wir uns noch weiterzugehen. Eine gute Entscheidung, denn dieser Weg gefällt uns fast noch besser als der erste! Leider bleibt uns wenig Zeit, um Pausen einzulegen, denn wenn wir bis zum Sonnenuntergang oben sein wollen, müssen wir uns sputen. Zudem wird der Weg gegen Ende immer steiler und steiler. Schweissgebadet und am Ende unserer Kräfte kommen wir gegen vier Uhr oben an. Mit der Gewissheit, dass die Strecke von 27 Kilometer und 1460 zurückgelegte Höhenmeter morgen ihren Tribut in Form von Muskelkater fordern wird, legen wir uns am Campingplatz angekommen auch gleich hin.

Heute ist mein Geburtstag! Nachdem wir, wie erwartet mit höllischem Muskelkater aufgestanden sind, erhalte ich von Livia mein, dieses Jahr wohl einziges, Geburtstagsgeschenk. Ausgerüstet mit meinem brandneuen, isolierenden Kaffeebecher, mit dem ich zukünftig dem Plastikmüll von Starbucks und Co. den Kampf ansagen werde, begeben wir uns wieder auf die Strasse. Nächstes Ziel: Horseshoebend; ein, wenn nicht sogar der berühmteste Abschnitt des Colorado Rivers, an dem der Fluss eine Wende um 270 Grad vollzieht. Leicht genervt darüber, dass wir 10 Dollar fürs parken bezahlen müssen, begeben wir uns auf die „Wanderung“, die laut Empfangsdame zwanzig Minuten gehen soll, sich dann aber als fünfminütiger Fussmarsch entpuppt. An der Aussichtsplattform angekommen, versuchen wir all die knipsenden Fotoapparate und Selfiesticks um uns zu ignorieren, um die Aussicht zu geniessen, als wir dann aber eine Familie (mit Kindern!) sehen, die die Absperrung überquert, um ein Foto auf einem brüchigen Felsvorsprung zu schiessen, ist es vorbei mit der Entspannung. Wir sind kurz davor diesen Ort zu verlassen, da rennen wir geradewegs in Larissa und Joel hinein. Die beiden sind noch einige Tage länger in Las Vegas geblieben, weshalb wir eigentlich nicht mehr damit gerechnet hatten, sie wiederzusehen, umso grösser ist die Freude, als wir uns für später auf einem nahegelegenen Campingplatz verabreden.

Mit Vollgas kehren wir dem Horseshoebend den rücken und widmen unsere Energie dem nächsten Ziel: dem Antelope Canyon. Auch diesen Canyon kennt wohl jeder von den atemberaubenden Bildern, die auf Social Media kursieren. Wenn dieser Ort zahlreiche Starfotografen und Influencer anzieht, muss er doch etwas wahrhaft Besonderes sein, richtig? Die traurige Wahrheit ist: Wir werden es nie erfahren, denn für den Eintritt in den Canyon verlangt die Verwaltung vor Ort 150 Dollar pro Person! Dabei muss man sich einer Führung anschliessen, bei der man eine Stunde von einem Guide durch die Schluchten geführt wird. Fassungslos über den exorbitant hohen Preis und gefrustet, dass dieses Naturspektakel von den Behörden so gnadenlos ausgebeutet wird, verlassen wir den Ort auf der Stelle.


Auf dem Campingplatz angekommen, treffen wir auf Larissa und Joel. Auch sie haben gleich rechts Umkehrt gemacht, als sie die Preise für den Antelope Canyon gesehen haben. Bei einem zusammengewürfelten Nachtessen spülen wir den bitteren Nachgeschmack des Tages mit Weisswein hinunter. Ein Lagerfeuer, gute Gespräche und ein schöner Sonnenuntergang lassen meinen Geburtstag doch noch im guten Enden.

Seit einigen Tagen schon beobachten wir mit immer grösser werdender Anspannung den Wetterbericht. Ein Tiefdruckgebiet zieht über ganz Kalifornien und droht uns in den nächsten Tagen zu erreichen. Für viele Gegenden, die wir noch ansteuern wollten, werden starke Regengüsse oder Schneestürme vorausgesagt, vor denen die zuständigen Behörden warnen. Wir sind nicht ganz sicher wie ernst wir die Angelegenheit nehmen sollen, denn mittlerweile haben wir erkannt, dass der Amerikaner in solchen Situationen schnell und gerne zum Übertreiben neigt, wir wollen aber auch nicht mitten in der Wüste von einem Jahrhundert -Gewitter überrascht werden. Wir entscheiden uns deshalb auf Nummer sicher zu gehen und wieder nach Las Vegas zurückzufahren um die Front dort auszuharren.

Wir versuchen die Planänderung zu unserem Vorteil zu nutzen und schauen auf dem Weg noch beim Valley of Fire vorbei. Das Tal, das seinen Namen von den feuerroten Felsen hat, die es durchziehen, befindet sich einige Meilen ausserhalb von Las Vegas. Bereits als wir hineinfahren, sind wir heilfroh, dass wir den horrenden Eintrittspreis für den Antelope Canyon den Tag zuvor nicht bezahlt haben, denn auf den ersten Blick sieht die Landschaft ziemlich ähnlich aus und ist für uns, mit der Nationalpark-Jahreskarte kostenlos. Wir stellen also Melvan beim Visitor Center ab und tauchen zu Fuss weiter in die hügelige Landschaft ein. Überall sind kleine Canyons und Hügel, auf denen es sich prima rumklettern lässt und so wandern wir die meiste Zeit querfeldein durch die feuerrote Landschaft und auch wenn wir eigentlich gerne noch länger geblieben wären, müssen wir gegen den späteren Nachmittag wegen des Wetters doch langsam los.

Am Abend kommen wir dann auch im Hotel Circus Circus, einer billigen Absteige am Ende des Strips, an. Auf die Empfehlung von Larissa und Joel hin, besuchen wir noch die Zaubershow von David Copperfield. Um hier gleich auf die Frage einzugehen, die auch wir uns als erstes gestellt haben: Ja, der lebt noch! Tatsächlich scheint er sogar aufgehört haben zu altern, was sicherlich auch der einen oder anderen Schönheitsoperation zu verdanken ist. Wir kommen während der gesamten Show kaum noch aus dem Staunen raus. Von simplen Kartentricks bis zu riesigen fliegenden Untertassen, die plötzlich über unseren Köpfen schweben, verzaubert uns Copperfield im wahrsten Sinne des Wortes. Auch seine sagenhaften Showman-Qualitäten beeindrucken uns schwer, zumal er jeden Abend zwei bis drei Aufführungen gibt und das sieben Tage die Woche!

Nun haben wir aber allmählich genug von den Casinos und dem ganzen Zauber. Zum Glück gilt es nur noch einen Tag zu überbrücken, bis das schlechte Wetter vorbeigezogen ist und wir wieder freie Fahrt haben. Wir widmen unseren letzten Tag dem „echten“ Las Vegas. Zu Fuss machen wir uns auf nach Downtown, wofür wir etwa eine Stunde brauchen. Als wir dort ankommen, müssen wir ein wenig schmunzeln, denn unterschiedlicher könnten die beiden Stadtteile kaum sein. Plötzlich sind wir umgeben von einstöckigen Häuschen, die im Erdgeschoss mal eine Bar, mal ein Café oder kleinere Boutiquen beherbergen. Nichts vom Protz und Prunk des Strips ist hier zu sehen. Wir setzen uns in eine lokale Rösterei, bestellen uns super-glutenfreie-chiasamen-megafood und schauen vergnügt den letzten Wolken zu, die den blauen Himmel darunter langsam wieder freigeben.

Heilfroh das grässliche Hotel endlich verlassen zu können, fahren wir frühmorgens los. Da der Kälteeinbruch der letzten Tage tatsächlich Schnee in einigen Regionen landeinwärts gebracht haben, gehen wir gezwungenermassen wieder an die Küste. Letzter Stopp in Nevada, bevor es in die Mojave Wüste geht, sind die Seven Sisters. Ein Kunstwerk eines Schweizer Künstlers, der mitten in der Wüste farbige Steine aufeinandergetürmt hat. Und auch wenn uns der tiefere Sinn dieses Werkes wohl auf ewig verschlossen bleiben wird, einen guten Fotostopp war es allemal. 

 

So fahren wir dann auch nach 10 Minuten Staunen weiter. Erst noch auf der rauschenden Interstate 15, auf der sich die Autos und Lastwagen Stossstange an Stossstange reihen, dann aber plötzlich scharf links und mitten in die Wüste rein, da wir uns nun aber bereits wieder in Kalifornien befinden, muss dies bis zum nächsten Blogbeitrag warten.