California II

Schon wieder in Kalifornien! Diesmal klappern wir den Südwesten des Staates ab, verlieben uns dabei in Wüsten, feiern unser erstes Weihnachten weg von Zuhause und geniessen die letzten Momente in den USA, bevor es nach Mexiko weitergeht.

Nur wenige Kilometer von Las Vegas entfernt, empfängt uns die Mojave Wüste mit einer Ruhe, die wir anfangs kaum fassen können. Es dauert sicher eine halbe Stunde, bis uns das erste Auto begegnet, seit wir die Interstate 15 verlassen haben und auch auf dieses sollten nur noch wenige folgen. Links und Rechts von uns schiessen meterhohe Sukkulenten aus dem steinigen Boden, die in ihrer Form an riesige Tentakeln erinnern. Die Strasse führt uns schnurgerade ins Niemandsland. Nach wenigen Stunden kommen wir bei den Kelso Dünen, unserem Übernachtungsplatz, an. Der riesige Sandhaufen wirkt, obwohl wir uns in einer Wüste befinden, etwas fehl am Platz. Wir sind weit und breit die einzigen, die ihr Nachtlager hier aufstellen und so verbringen wir den Abend unter den Sternen und lauschen in die Lautlosigkeit. Was für ein grandioser Ort!

Am folgenden Tag geht es weiter in Richtung Joshua Tree National Park. Um uns über Wanderungen und Campingplätze zu informieren, besuchen wir vorab noch in das Visitor Center, dass vor dem National Park liegt. Zu unserer grossen Verwunderung wird uns dort nach kurzer Wartezeit mitgeteilt, dass bereits sämtliche Campingplätze des Parks ausgebucht sind. Wir können es noch bei den sogenannten „Walk in“ Plätzen probieren, welche man nicht online reservieren kann, für gewöhnlich seien diese aber sogar schon vor allen anderen besetzt. Mit einem Fünkchen Hoffnung machen wir uns auf den Weg in den Park. Wieder sehen wir viele der Ranken-Gewächse, die uns bereits einen Tag zuvor begegneten und es wird merklich kühler, denn wir klettern mit Melvan langsam aber stetig immer höher hinauf. Leider können wir die Aussicht nicht wirklich geniessen, denn jeder Campingplatz, den wir unterwegs abklappern, ist wie zu erwarten ausgebucht. So sind wir innerhalb weniger Stunden durch den berühmten National Park gefahren, ohne auch nur eine einzige Wanderung zu unternehmen und müssen uns, wegen langsam einkehrender Dunkelheit, am Rande des Parks auf BML Land (Öffentlichem Grund) niederlassen, denn Wildübernachten in den Nationalparks ist strengstens verboten!

Am nächsten Tag überlegen wir uns erst noch, einen zweiten Versuch zu wagen, allerdings sitzt uns die Frustration des Vortages noch so tief in den Knochen, dass wir beschliessen, weiterzufahren. Uns sehnt es nach einem Ort ohne künstlich gesteckten (Campingplatz)-Grenzen und Repressalien. Wir wollen frei sein! Was bietet sich da besser an als Slab City! Die sagenumwobene Wohnmobil-Stadt befindet sich inmitten der Colorado Wüste nördlich von San Diego und ist der Treffpunkt in den USA für Aussteiger, Althippies, Gesetzlose und Künstler gleichermassen. Da passen wir mit unserem Kultmobil natürlich bestens hin. Wir fahren also über den holprigen Erdweg langsam in die „Stadt“ hinein und kommen nicht darum herum das ganze Altmetall rund um das Gelände zu bemerken. Die Szenerie erinnert stark an den postapokalyptischen Actionfilm Mad Max. Bald sehen wir aber die Kunstwerke, welche die, meist mittellosen Bewohner, aus den gespendeten Waschmaschinen, Mikrowellen und Gerümpel machen und sind hell begeistert. Wir verbringen den Rest des Tages damit, durch den Garten voller kurioser Skulpturen zu gehen und uns Salvation Mountain, eine Freiluftkirche, anzuschauen.

Wir kriegen nicht genug von der Wüste und so bleiben wir noch ein wenig in der Colorado Desert, ziehen jedoch etwas weiter südlich in den Anza-Borrego State Park. Hier finden wir in Borrego Springs unseren Ersatz für den Joshua Tree National Park, denn wir können Wandern, sind in der Wüste, es hat ulkige Kakteen, es ist sogar noch ein paar Grad wärmer und das Beste; wir finden auf anhieb einen Übernachtungsplatz. Ein Künstler hat auf einem riesen Areal vor der kleinen Stadt Metall-Skulpturen von verschiedensten Dinosauriern und anderer Tiere aufgestellt (man könnte fast meinen in der Wüste baut jeder Metall-Skulpturen) und lässt aus purer Nächstenliebe die Camper, die sich dort hinverirren, darauf übernachten. Diese Gelegenheit lassen wir uns natürlich nicht nehmen und so schlaffen wir zwischen den, bei Dämmerung ziemlich furchteinflössenden, Raptor und Stegosaurus.

Die nächsten Tage unternehmen wir eine Wanderung nach der anderen. Die Hitze ist mittlerweile vor allem mittags gnadenlos und wir müssen aufpassen, dass wir uns keinen Sonnenstich holen. Ziel der meisten Ausflüge sind deshalb kleine Palmen-Oasen, die sich in dieser Gegend überall finden lassen. Als wir von einer dieser Ausflüge zurückkommen, fühle ich (Mattia) mich nicht besonders gut. Als ich dann am Tag darauf mit 39 Grad Fieber im Bett liege, ist klar, dass ich mir eine Grippe eingefangen habe. Einen Tag später legt es auch Livia flach, was nicht anders zu erwarten war, wenn man mit einer Bakterienschleuder auf sechs Quadratmeter praktisch eingeschlossen ist. So verbringen wir eine ganze Woche beinahe ausschliesslich in unserem Auto. Im Nachhinein eine komische Erfahrung, aber Krankheit macht auch vor Reisenden nicht halt.

Jetzt müssen wir uns aber wirklich mal von der höllisch heissen Wüste trennen. Weiter also in die Stadt der Engel! Für Los Angeles haben wir uns, wie bei den meisten Grossstädten, bereits im Voraus eine Unterkunft gemietet. Wir sind froh, als wir Melvan nach der nicht mehr enden wollenden Fahrt durch die tausenden Vororte von Los Angeles, endlich auf dem Parkplatz vor unserem Airbnb abstellen können. Zu Fuss bzw. mit dem Bus geht es dann auch gleich auf Entdeckungstour. Als Erstes schauen wir uns Venice Beach, ein Hipster-Quartier gleich am Meer an. Wir schlendern durch die Strassen vorbei an teuren Boutiquen und Cafes mit ihren schnauzbärtigen Baristas, durch das Kanalsystem, von dem der Stadtteil seinen Namen hat und am Strand entlang. Uns gefällt die Gegend gut, leider fängt es an zu regnen und so treten wir nach einer kurzen Besichtigung den eineinhalb Stunden langen Rückweg mit dem Bus an.

Die nächsten Tage sollten wir leider nicht viel mehr Glück haben. Entweder stimmt das Wetter nicht oder wir nehmen unglaublich grösse Strecken auf uns, um eine bestimmte Strasse oder einen bestimmten Ort zu sehen, der sich dann als nicht sehr spektakulär entpuppt. Zudem geht uns die Heuchelei der Angelinos auf die Nerven, denn obwohl jeder nur noch klimaneutrale Bio-Fairtrade -Baumwoll-T-Shirts trägt, wird jede noch so kleine Distanz mit dem SUV gefahren, der Starbucks Kaffee ausschliesslich aus Einweg-Bechern getrunken und in den Slums, die sich in Downtown bilden, werden die Fenster hochgekurbelt, damit der Gestank nicht in die Autos gelangt. Wir sind so weit, dass wir sogar den letzten Tag unseres Aufenthalts mit Recherchen für die weitere Reise in unserem Airbnb verbringen, ohne einmal vor die Tür zu treten.

Fluchtartig verlassen wir Los Angeles und fahren, seit langem einmal wieder Richtung Norden, denn uns fehlt noch ein Stück Küste, da wir ja vor einigen Wochen nach Death Valley ins Landesinnere abgebogen sind. In Malibu legen wir den ersten Stopp ein. Uns wird einmal mehr bewusst, wie fest wir die Natur, den Strand und das Meer vermisst haben. Wir packen unsere Skateboards und cruisen der Promenade entlang bis es dunkel wird.

Weiter nach Santa Barbara. Obwohl wir auch hier wieder in einer Stadt gelandet sind, gefällt es uns deutlich besser. Die Stimmung ist entspannt und der Stadtkern gut zu Fuss zu erkundbar. Wir machen noch einige Besorgungen, schlendern durch die Stadt und essen, das erste Mal seit Beginn unserer Reise, Donuts! Zwar gibt es diesen runden Inbegriff der amerikanischen Bäckerkunst an jeder Tankstelle zu kaufen, irgendwie sind wir aber noch nie auf die Idee gekommen, einen zu probieren. Es sollte sogar Livias erster Donut überhaupt werden! Nach dieser köstlichen Kalorienbombe sparen wir uns das Nachtessen, fahren gleich an unseren Übernachtungsplatz, der ca. 1000 Höhenmeter über Santa Barbara liegt, und geniessen die herrliche Aussicht.

What goes up, must come down.“ Also fahren wir am nächsten Tag die 1000 Höhenmeter wieder runter. Eine Tat, die nicht ungestraft bleiben sollte, denn auf halbem Weg verlieren wir derart an Bremskraft, dass wir rechts ran fahren müssen. Unsere Bremsen sind total überhitzt und glühen schon beinahe. Erst nach einer halben Stunde können wir es wagen wieder weiterzufahren und schleichen im zweiten Gang den steilen Abhang hinunter.
Als wir dann endlich in Santa Barbara ankommen und in einem Café besprechen, wie unsere Reiseroute für die nächsten Tage aussehen soll, fällt uns der Ort Ojai auf der Landkarte auf. Diesen haben wir vor ein paar Wochen bereits während der Fahrt ins Death Valley passiert und fanden ihn eigentlich beide ganz nett, wieso wir dazumal nicht angehalten sind, konnten wir aber nicht mehr sagen. So haben wir uns, um den Kreis zu schliessen, spontan entschlossen Ojai doch noch einen verspäteten Besuch abzustatten.
Wir fahren also wieder etwas eine halbe Stunde landeinwärts und landen in einem kleinen Garten Eden. Überall spriesst es Grün, die Strassen sind gesäumt von Orangenhainen und es duftet sensationell! Das Dorf, obwohl sehr klein, hat vom Supermarkt bis zum Fahrradverleih alles, was man braucht. Wir bleiben aber erst mal bei einer interessanten Outdoor Bibliothek hängen und besorgen uns ein paar Spanischbücher als Vorbereitung für Mexiko. Wir finden einen Campingplatz ganz in der Nähe und entscheiden uns, ein wenig zu bleiben.
Die nächsten Tage mieten wir uns Fahrräder und radeln gemeinsam durch die Orangenfelder, stöbern auf Flohmärkten nach Fundschätzen und probieren uns durch die Karte der Lokalbrauerei. Kurz gesagt, wir haben uns absolut in das kleine Städtchen Ojai verliebt und geniessen das Leben dort in vollen Zügen!

Wir könnten ewig in Ojai bleiben, aber die Vernunft rät uns weiterzufahren, denn wir haben nur noch einen Monat, den wir legal in den USA verbringen dürfen und es gibt noch so viel zu sehen. Also wieder an die Küste, in einem Schuss durch Los Angeles steuern wir San Diego an. Vorher machen wir noch für eine Nacht in Ocean Side halt. Wir kommen gerade noch rechtzeitig, um den Surfern zuzuschauen, während die Sonne sich immer mehr Richtung Horizont neigt und den Himmel in ein tiefes Rot taucht. Als Stellplatz haben wir uns einen verlassenen Parkplatz am Hafen ausgesucht. Auch wenn man hier für 72 Stunden parken darf, so ist die „Camping“ Situation immer etwas ungewiss. Teilweise duldet die Polizei kürzere Aufenthalte, an anderen Orten sind die Gesetzeshüter strickt und verweisen einen auch gerne mitten in der Nacht des Platzes. Bis dato ist uns zum Glück noch nichts der gleichen passiert, dennoch schläft man an solchen Orten immer etwas unruhiger. Nun klopft es mitten in der Nacht an unserer Tür. Die erste Strategie, einfach so zu tun als ob wir nicht existieren, verwerfen wir schnell, denn wer Melvan nur ein bisschen genauer anschaut, dem wird klar, dass jemand darin übernachtet. So geben wir uns geschlagen und öffnen noch etwas schlaftrunken die Tür. Anstatt eines Polizisten erwartet mich vor der Tür aber eine heruntergekommene Obdachlose, die in vollem Ernst fragt, ob sie bei uns übernachten kann! Völlig perplex wimmeln wir die offensichtlich verwirrte Frau ab. Ein bisschen Mitleid haben wir natürlich schon, dennoch ist unsere Begründung, dass es zu dritt in unserem Auto etwas eng wird (die anderen Gründe haben wir ihr nicht offenbart) nicht gelogen und so schauen wir der Frau vom Fenster aus zu, wie sie die Nacht zieht. Wir hoffen bis heute fest, dass sie in dieser Nacht noch einen geeigneteren Schlafplatz gefunden hat.

Früh am Morgen geht’s weiter nach San Diego, denn wir haben einen Termin bei South Westy, einem Mechaniker der sich auf VW Vanagons spezialisiert hat. Es ist ein gutes Gefühl einmal ohne Probleme und Pannendienst in eine Werkstatt zu fahren. Wir wollen lediglich die letzte Gelegenheit vor Mexiko nutzen, unser Auto durchchecken zu lassen und ein Ölwechsel war auch wieder mal fällig. So sind wir heilfroh, dass wir bereits nach ein paar Stunden ohne Schreckens-Diagnose und ohne grosses Loch im Geldbeutel wieder loskönnen.


Nach der Erfahrung in LA sind wir gebrannte Kinder, was Grossstädte anbelangt. Zu hoch waren die Erwartungen und umso schwerer die Enttäuschung. Diesmal soll es anders werden. Nachdem wir uns im einzig bezahlbaren Campingplatz in San Diego eingenistet haben, beschliessen wir, nur ein Stadtteil pro Tag zu besichtigen und da der Campingplatz nicht an die öffentlichen Verkehrsmittel angebunden ist, erübrigt sich auch die Frage nach dem Wie. So erkunden wir die nächsten Tage „nur“ das Gaslamp Quartier, Little Italy und La Jolla und wir stellen fest, dass unsere Strategie super funktioniert. Die Stadt gefällt uns richtig gut und wir fühlen uns wohl.

So vergehen die Tage, Weihnachten schleicht an uns vorbei, denn fernab von Zuhause feiern wir lediglich mit feinem Essen und einer guten Flasche Rotwein und wir verbringen viel Zeit damit uns für Mexiko vorzubereiten. Nachdem wir dann endlich alle unsere Dokumente kopiert, die letzten Besorgungen in den USA gemacht und den Grenzübergang mithilfe von Google Streetview und Reiseberichten in- und auswendig gelernt haben, wagen wir uns noch vor Jahresbeginn an das neue Abenteuer. Auf dem Weg zur Grenze wird uns beiden richtig flau im Magen, denn obwohl wir mittlerweile schon sieben Monate unterwegs sind, wissen wir beide, dass dieser Tag einen ganz neuen Abschnitt unserer Reise markiert. Endlich kommen wir in Otay Mesa, einem etwas kleineren Grenzübergang östlich von Tijuana an. Dank unserer Recherchen wissen wir bereits genau an welchem Schalter wir welches Formular ausfüllen und welche Preise wir dafür bezahlen müssen. Entsprechend schnell haben wir, trotz mangelhafter Spanischkenntnisse, die Einreisepapiere für uns und Melvan. Freudig, erschöpft aber vor allem aufgeregt steigen wir ins Auto und starten ins neue Abenteuer Mexiko! Arriba! Wie es weitergeht, erfährst du in unserem nächsten Blogbeitrag.