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El Salvador

Bandenkriminalität, Bitcoin als Landeswährung und der quasi Diktator Bukele. El Salvador hat es in jüngster Vergangenheit ausschliesslich zu negativen Schlagzeilen gebracht. Wir entdecken jenseits der Berichterstattung ein Land voller Güte, Gelassenheit und fantastischen Surfstränden, denn auch dafür ist El Salvador bekannt.


Nach dem unkomplizierten Austritt aus Guatemala stellen wir uns auf der anderen Seite des Rio Paz in die Schlange von Lastwagen, werden aber von der Grenzpolizei gleich dazu aufgefordert, diese zu überholen. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen und fahren mit zwei Rädern auf der Strasse, die anderen im Graben, in leichter Schräglage bis zu dem Häuschen vor. Der Rest verläuft gleich wie bei den bisherigen Grenzübergängen. Die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam. Wir lassen uns dadurch nicht aus der Ruhe bringen und starten eine Stunde später in ein neues Land und somit auch in ein neues Abenteuer.

Wie so oft, fängt aber auch dieses Abenteuer eher langweilig an. Einkaufen, weil wir keine Früchte und Gemüse über die Landesgrenzen bringen dürfen, SIM-Karte organisieren, wie in jedem Land und stundenlange Autofahrt, weil die Grenzgebiete oft nicht sehr einladend sind.

Die Fahrt war lange und anstrengen. Obwohl die Strassenverhältnisse im Vergleich zu Guatemala hier viel besser sind, fordern die Passanten, die am Strassenrand stehen, um den Highway zu überqueren, vollste Konzentration. Als wir endlich an unserem Ziel, dem Nationalpark CerroVerde, ankommen, ziehen auch prompt noch dichte Wolken auf. 10 Minuten später stehen wir in einem regelrechten Tropensturm und verbringen den Rest des Abends in unserem Van.

Nachdem der Sturm bereits in der Nacht abgeflaut ist, offenbart uns der Nationalpark am folgenden Morgen in seiner vollen Pracht, als wir unsere Türe öffnen. Wir trinken einen Kaffee und machen uns bereit für die bevorstehende Wanderung. Um 9 Uhr geht es los. Den Nationalpark dürfen wir nur mit Guide betreten. Offiziell um die Natur zu schützen, laut Geschichten, die unter Reisenden kursieren, geht es aber eher um unseren Schutz. Es ist hier in der Vergangenheit schon öfters zu Raubüberfällen gekommen. Jetzt patrouilliert die Polizei auf dem Wanderweg. Ein komischer Anblick.

Nach einer gemächlichen Wanderung mit fantastischem Ausblick auf die umliegende Landschaft kommen wir auf dem Gipfel an. Der Santa Anna Vulkan ist zwar noch aktiv, das letzte Mal aber im Jahr 2005 ausgebrochen. Seither hat sich im Inneren des Kraters ein See gebildet, der durch den Ausstoss verschiedener Gase eine Türkise-Farbe angenommen hat. Auch wenn diese zum Baden einlädt, ist aus gesundheitlichen Gründen wohl eher davon abzuraten. So bestaunen wir das Naturschauspiel von oben, während wir unseren Proviant vertilgen und machen uns anschliessend an den Abstieg.

Als wir unten ankommen, ist erst Mittag. Wir hätten eigentlich damit gerechnet, noch eine Nacht hier zubleiben, entschliessen uns dann aber doch weiterzufahren. Von 2’300 M.ü.M direkt an die Küste. Die tropisch nasse Hitze klatscht uns ins Gesicht wie ein feuchter Lumpen. Als wir uns auf dem Parkplatz eines Surfhostels in El Zonte eingerichtet haben, wird es auch schon langsam dunkel. Wir tauschen Decke gegen Ventilator und gehen früh ins Bett, denn morgen haben wir Grosses vor.

Nach so langer Zeit klemmen wir uns bei Sonnenaufgang die Surfbretter unter den Arm und springen in das schon fast warme Meer. Bereits als wir keuchend rauspaddeln merken wir, dass wir aus der Übung sind. Sowohl technisch als auch konditionell ist da noch viel Luft nach oben, aber auch wenn wir an diesem Tag nur ein wenig im Weisswasser plantschen, bereitet es uns doch ungeheuer viel Spass.

Wir bleiben noch ein paar Tage um unsere ungeschulten Muskeln wieder etwas an die Bewegung zu gewöhnen, bevor wir uns weiter in die nächste Surf City wagen. Wir finden einen Campingplatz, etwas ausserhalb von El Tunco. Ein wenig blauäugig laufen wir am Steinstrand entlang Richtung Dorf, nur um auf halber Strecke zu merken, dass sämtliche Strandzugänge privat sind und wir durch einen Fluss vom Dorf abgeschnitten sind. Mühsam kämpfen wir uns durchs Unterholz dem Flussufer entlang. Zu allem Überfluss fängt es auch noch zu regnen an. Als wir in El Tunco ankommen, sind wir nass bis auf die Knochen und trotz tropischen Temperaturen wird uns kalt. Wir setzten uns in das nächstbeste Restaurant, um dem Regen zu entkommen und bestellen. Die Wahl fällt leicht, denn auf der Karte gibt es genau ein Gericht. Pupusas. Als wir je einen Teller mit Teigtaschen serviert bekommen, sind wir skeptisch. Zu oft wurde uns auf die Frage, ob das Essen vegetarisch sei, mit Ja geantwortet und uns anschliessend Hühnchen oder Hackfleisch aufgetischt. Der erste Biss zaubert uns aber beiden ein Lächeln ins Gesicht. Die runden auf dem Grill zubereiteten Teigtaschen sind mit Käse gefüllt und haben je nach Variation Knoblauch, Chilli, Koriander oder andere Gewürze drin. Einfach köstlich! Das erste vegetarische Nationalgericht auf unserer Reise gehört schon bald zu unserer Standarddiät. Zugegeben, nicht gerade gesund, dafür aber für $1 an jeder Strassenecke frisch zubereitet erhältlich.

Weil die Wellen in El Tunco für unseren Geschmack aber etwas zu gross sind, fahren wir weiter. Uns wurde gesagt, dass die Wellen in Playa las Flores etwas anfängerfreundlicher sind. Voller Vorfreude uns wieder in die Wellen zu stürzen, machen wir uns auf den Weg, doch Melvan hat andere Pläne für uns. Nur wenige Kilometer vor unserem Ziel stottert der Motor plötzlich. Ein Blick in den Rückspiegel verrät, wir verlieren Benzin. Wir schaffen es gerade noch in die nächste Parkbucht, danach ist Schluss. Melvan macht kein Wank mehr. Als ich unters Auto krieche und Livia versucht zu starten, spritzt das Benzin nur so aus dem kleinen Schlauch, der die Pumpe mit dem Motor verbindet. Immerhin, eine Diagnose haben wir jetzt schon mal. Und woher bekommen wir an einem Sonntagnachmittag einen passenden Ersatz? In so einer Situation ist „out of the box“ denken angesagt. Nach einigem Grübeln nehme ich unseren Feuerlöscher vor und siehe da, der Durchmesser des Schlauchs ist mit dem der Benzinleitung beinahe identisch. Schnell zugeschnitten und mit klemmen befestigt und weiter gehts. Zugegeben, nicht die optimale Lösung, aber für die nächsten Kilometer bis ins Dorf wird es reichen.

Wir treffen gerade noch vor Sonnenuntergang in Playa las Flores ein. Unsere Surfsession verschieben wir auf morgen, die Panne war uns Nervenkitzel genug für heute, und bestellen uns im Strandrestaurant erst mal einen leckeren Fisch vom Grill, denn auch gegessen haben wir heute noch nichts.

In Playa las Flores bleiben wir zwei Wochen hängen. Es stimmt einfach alles. Wir haben den Surfspot direkt vor unserer Haustür, den Strand quasi für uns allein und Einkaufsmöglichkeiten und einige Restaurants sind bei Ebbe im nächsten Dorf innert 10 Minuten zu Fuss erreichbar. Wir lernen andere Overlander kennen oder treffen altbekannte Gesichter wieder und obwohl die Menschen aus aller Welt kommen, fühlen wir uns hier gleichermassen zu Hause. Wie es sich aber mit dem „Zuhause“ oft verhält, verblasst der Schimmer irgendwann und das Aufregende wird zum Alltag, ohne dass man es wahrnimmt. Deshalb sind wir nicht Reisen gegangen. Wir müssen weiter.

Wir sind schon ziemlich nahe an der Grenze zu Honduras. Zuvor müssen wir aber noch einige Besorgungen machen. Auch wenn wir in Playa las Flores alles hatten, was wir brauchten, so liess die Auswahl an Lebensmitteln doch einige Wünsche offen und auch unsere von Hand gewaschenen Klamotten hätten eine Maschinenwäsche nötig. Von den Passkopien, die wir für den Grenzübertritt noch benötigen, ganz zu schweigen. Wir machen Halt in San Miguel und erledigen alles so speditiv wie bei dieser Hitze nur irgendwie möglich, denn die Stadt ist alles andere als ein Hingucker, und fahren weiter nach Conchagua. Eigentlich hätten wir hier übernachten wollen, nachdem wir aber sämtliche Möglichkeiten abgeklappert haben, fahren wir frustriert und müde weiter. Es dunkelt langsam ein und eigentlich hätten wir schon längst von der Strasse runter sein wollen, denn in der Nacht zu fahren birgt hier alle möglichen Gefahren. Wir entscheiden uns also kurzerhand ausnahmsweise mal in einem Hotel zu übernachten und sind überglücklich, als uns die über beide Ohren strahlenden Besitzerin einweist. Das Zimmer ist zwar nichts Besonderes, aber sehr sauber, das Bett himmlisch weich, Melvan sicher im Innenhof geparkt und das für gerade mal $15. Ausserdem ist die Besitzerin wirklich zuckersüss und besteht darauf, noch ein Foto mit uns und Melvan zu schiessen. Sie ist sichtlich Stolz darauf, dass wir uns für ihre Unterkunft entschieden hat und sie kann es sein, denn in dieser Nacht schlafen wir wie die Götter.

Am nächsten Tag geht es weiter an die Grenze. Da Honduras ein besonders schlechter Ruf vorauseilt, sind wir noch etwas nervöser als ohnehin schon bei Grenzübergängen und verpassen prompt den Zoll, wo wir Melvan eigentlich hätten abmelden müssen. Der Grenzbeamte nimmt es mit Humor und schickt uns die 2 Kilometer nochmal zurück, um den versäumten Papierkram noch zu erledigen. Kopie, Unterschrift, Stempel, Kopie, nochmal Unterschrift und wir sind aus El Salvador. Nächster Halt: Honduras!

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